Erste Sevdalinka – Adils und Maras Liebe

Hatidža Krnjević
6. Januar 2020
Prof. Dr. Đenana Buturović
18. Januar 2020

Erste Sevdalinka – Adils und Maras Liebe

Die erste und gut dokumentierte Spur über die Sevdalinka reicht weit ins XVI Jahrhundert hinein (genauer 1574) und ist interessanterweise mit Split verknüpft. Es ist dem damaligen Fürsten von Split zu verdanken, da er die Nachweise  über die wahren Ereignisse, sowie die Lieder hierzu zusammen mit der regelmäßigen Post an den venezianischen Senat schickte. Diese Aufzeichnung ist in dem Buch: Vincenzo Solitro: Documenti Storici sull’ Istria e la Dalmazia. Venezia, 1844 veröffentlicht worden.
(Munib Maglajlić, 1983).

Dieses Schriftstück erzählt über die unglückliche Liebe zwischen dem Bosniaken Adil aus Klis und Marija (Mara) Vornić aus Split;
Der Spliter Fürst bewahrte ebenso die Erinnerung an den hiesigen Dichter Franjo Boktulija, der einen Epitaph in das Schicksal der unglücklichen jungen Frau hinein dichtete – der «Bidna Mara», so wie das satirisch- allegorische Gedicht über das Verhältnis zwischen der Republik Venedig  und dem Osmanischen Reich.

Folglich zeugt diese Aufzeichnung von dem frühen Versuch eines Gesangs im Geiste dessen, was wir Sevdalinka nennen.
Den Bericht des Spliter Fürsten entdeckte auch der Dichter Luka Botić, ebenso aus Split und veröffentlichte ihn in seinem Gedicht «Bijedna Mara» in welchem dass Hauptthema die verbotene Liebe des jungen Muslimen Adil und der Christin Mara ist.
Es handelt sich um ein Gedicht mit sechs Zehnzeilern. Eigentlich übersetzte Botić den Bericht des Spliter Fürsten aus dem Italienischen.

Hier das Wesentliche des fürstlichen Berichts nach Botić’s Übersetzung:

«Ein Mädchen, das unterwegs von Vranjica nach Split war, um Wolle zu verkaufen, fing der besagte Bosniake ab und nahm sie mit, aber der Vater und der Bruder des Mädchens begegneten ihnen, da auch sie zum Spliter Markt wollten, und hielten ihn auf. Der junge Mann rechtfertigte sich damit, dass das Mädchen einem Anderen aus Klis, welches mit ihrem Verlobten in unbekannte Richtung durchgebrannt sei, ähneln würde. Da er dachte, sie wäre es, hätte er sie zurück bringen wollen. Nachdem sie ihm eindringlich drohten, ließen ihn der Vater und der Bruder am Ende in Ruhe. Sie aber erzählte nach seinem Weggang, sie hätte ihn schon früher gesehen, dass er ihr einiges erzählt und sie aufgefordert hätte, mitzukommen. Denen, die den Fall untersuchten, darunter der Spliter Fürst, brachte das Mädchen hingegen neue Einzelheiten vor, aus welchen hervorging, dass sich die Sachlage anders darstellte, als sie es vor den Ihren zugab. Dies ist eindeutig aus dem Teil des fürstlichen Berichts zu schließen, in dem die Begegnung des Moslems aus Klis und des christlichen Mädchens aus Vranjica  beschrieben ist, basierend auf ihrer eigenen Aussage: «Und dass er einmal in ihrem Haus in Vranjica war, darüber klagte, dass er durstig sei und sie darum bat, ihm Wasser einzuschenken; sie brachte ihm Wein. Dies hörten wir aus ihrem Munde; und als sie sprach, lief sie rot an und stotterte. Wir taten so, als sähen und bemerkten wir nichts, aber waren wir zufrieden, dass keine Unanehmlichkeit, so wie üblich, geschah, mit Gewalt, dass wird die Scharfsinnigkeit und die Erfahrung Ihrer Exzellenzen andererseits mit Leichtigkeit erraten können…» (Maglajlić, 1983)

So übersetzte Luka Botić weiter den Brief des hohen venezianischen Beamten:

«Ich muss also Ihren Hoheiten sagen, dass im letzten Jahr Anfang März, als es im Frühling schien, als ob sich die ganze Welt freue und küsse, ein junge Türke mit gerade Mal 18 Jahren, schön und reich bekleidet auf ihre Art, ehrlich wohlhabend, zum Markt kam. Einmal kam er und brachte Wachs und Duftwässer und Honig und einen guten Grauschimmel, ohne Schecken mit. Üblicherweise kam er alleine und nur mit zwei Dienern. Die Türken nannten ihn Adel, aber die Unseren sagten schöner Adelić.  Unsere Frauen kauften am liebsten bei ihm; und er benahm sich stets anständig und angemessen. Die Seinen beneideten ihn und die Unseren schlossen ihn sehr ins Herz. Und eines Tages war kein Adelić da, die Türken schworen, dass er mit ihnen ging, aber sie dann überholt hätte. Dies wiederholte sich an mehreren Tagen und die Türken sagten: «ER IST AŠIK» (betonte S.V.), was bedeutete, dass er verliebt sei.
Und jetzt muss ich Euch sagen, Eure Hoheiten, dass einmal, als Adelić kam, auch die Vornić’s zum Markt kamen und mit ihnen die zwei wunderschönen und zauberhaften Schwestern Ivanica und Marija; beide sehr gut und geschmackvoll gekleidet, mit Gold und Schmuck, da das Haus Vornić ziemlich wohlhabend war. Die Brüder Vornić zeigten sich vor nicht allzu langer Zeit wie es sich gebührt, was Ihren Hoheiten aus meinen anderen Liedern bekannt sein dürfte.  Dort fanden Adelić und Marija, die jünger ist, gerade Mal etwas mehr als 14 Jahre, Gefallen aneinander und verliebten sich unsterblich. Aber das Mädchen hatte die Ihren und die Schwester dabei und fürchtete sich vor Gott und der Jungfrau, weil Adelić Türke war.
Sie weinte, sagte jedoch nichts, klebte nur an ihrer Schwester. Der Jüngling schlich um ihr Haus herum, sagte aber nie was. Und so kam es, dass er den Markt vergaß. Aber als sich die Vornić’s einmal auf dem Markt zeigten, da tauchte er auch auf.
Als die Schwestern in der Nähe waren, fing er an ein altes, slawisches Lied zu singen, welches dies bedeutete:
«ES VERGUCKTE SICH DER TÜRKE IN UNSER TÄUBCHEN. ICH BIN TÜRKE. IHR GESICHT IST HELLER ALS MEIN WACHS, SCHÖNER ALS ROSEN, DIE ICH AUSPRESSTE…» (betonte S.V.; Botić, 1949, 1996; Maglajlić, 1983)
Der Türke verguckte sich in unser Täubchen. Ich bin Türke. Ich hörte, als er sagte; ihre Lippen sind süßer als mein Honig. Euer Täubchen ist von schönerem Wuchs und Statur als mein Pferd.»
Als er sang, sagten die Türken lächelnd: «Er ist Ašik.» Er hörte das und ging. Und Marija weinte, da fragten sie Vater und die Brüder, was sie denn hätte? Sie konnte vor lauter Weinen und Klagen nichts sagen. Deshalb fing die andere Schwester an, den Vater und die Brüder anzuflehen, nach Hause zu gehen, keinen Aufstand und Geschrei zu veranstalten, dass sie und Marija beichten würden. Sie gingen gleich; aber als sie hörten, was war, bedrängten sie das Mädchen ins Kloster zu gehen und sie solle gewiss sein, nie wieder herauszukommen. Dass sie Schande über ihr Haus gebracht hätte, welches immer stolz und anständig gewesen sei; dass dies unerhört sei und man sie nun vor den anderen verstecken müsse, wer hätte hierzu den Anlass gegeben. Der ehrwürdige Priester und Prediger Herr Damjan Tupić, ihr Hauspfarrer, verhandelte und beriet den Vater und die Brüder so lange bis sie schlussendlich entschieden, das Mädchen ins Kloster zu schicken, wo sie zwei Jahre bleiben sollte bis die Schande vergessen wäre. Und sie ging und mit ihr ihre Schwester, da sie sich nicht trennen konnten.  Unterdessen erkrankte Marija; als Adelić dies erfuhr, schoss er eines Abends einen Pfeil mit einem Brief durch die Gitter, in dem er erzählte: «Wenn du gesund bist und die Deinen dich mir geben möchten, werde ich mich bekreuzigen und von deinem Glauben sein.» Irgendjemand, man weiß nicht wer, nahm den Brief und übergab ihn den Vornić’s.  Sie tobten wegen der Beleidigung und aus Schmerz und verlangten, dass man Adel nicht mehr in die Stadt ließe. Unterdessen welkte das Mädchen dahin und starb. Sie bestatteten sie im Kloster und der Schriftsteller und Philosoph Boktulija besang sie slawisch:
»Es erkrankte unser Täubchen, mit schönem Federnkleide, an wundem Herzen; es kam ein Jäger aus der Ferne und verwundete sie: arme Mara!
Vater und Mutter wollten sie nicht, umarmten sie nicht, leckten ihre Wunde nicht, und das Täubchen starb: arme Mara!»
Diese Verse meißelten sie in den Grabstein und heute noch singt sie jedermann, dass es traurig zu hören ist. Ivanica kam nicht heraus, so ist sie heute noch im Kloster, sie will Nonne bleiben, so lange sie lebe.»

Den Kontext des fürstlichen Berichts  zusammenfassend, machte Botić eine ziemlich erfolgreiche Nachdichtung dieser tragischen Geschichte über die unglückliche Liebe des Bosniaken Adil und der Spliterin Mara. Hier ein Teil der Nachdichtung:

«U Turčina đulvodica,
slatko miriše;
al’ je ljepša djevojčica,
ljepša od ruže;
A ja Turčin ginem za djevojkom,
Za djevojkom, krotkom golubicom!
U Turčina bio vosak,
Bio izbiran.
Al’ djevojka još bjelija,
No je vosak sam;
A ja Turčin ginem za djevojkom,
Za djevojkom, krotkom golubicom!
U Turčina med je sladak,
Sladak, presladak;
Al’ riječi djevojčice,
Slađe od meda;
A ja Turčin ginem za djevojkom,
Za djevojkom, krotkom golubicom!
U Turčina žerav konjic,
Kao pelivan;
Al’ ni konjic nije stasan,
Kao djevojka;
A ja Turčin ginem za djevojkom,
Za djevojkom, krotkom golubicom!

Hieraus kann man folgern, dass der unglücklich verliebte Bosniake Adil nicht nur der erste bekannte Sevdalinka-Sänger war, sondern auch ihr erster bekannter Dichter.

ANMERKUNGEN:

– Im Spliter Umfeld kam es, vermutlich nach der Analogie des weiblichen Vornamens Adela, zur Verwechslung des muslimischen Namens Adil mit dem Namen Adel, welchen es in der muslimischen Namensgebung gar nicht gibt. 
– Die Begriffe Türke und Türken müssen hier in Bezug auf religiöse Zugehörigkeit verstanden werden und nicht im ethnischen Sinne.
– Botić’s Übersetzung ist im Original wiedergegeben worden und ohne jegliche sprachliche Korrekturen, unabhängig ihrer archaischen Art (wie es Prof. Maglajlić in seiner Arbeit tat).

(mit freundlicher Unterstützung von Semir Vranić – www.sevdalinke.com)

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